Der zerrissene April

von Ismail Kadare
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Über

Der Kanun ist das jahrhundertealte mündlich überlieferte Gewohnheitsrecht, das das Leben der albanischen Hochlandbewohner detailreich regelt, ob Hochzeit, Begräbnis oder die Art, wie Häuser gebaut werden. Aber am wichtigsten ist der Kanun für das archaische Recht auf Blutrache, die angeblich immer noch in den Bergen von Albanien üblich ist. Wer hat das Recht wen zu töten, wo ist ein Verfolgter sicher, ab wann wird die Familie eines Ermordeten zu einer Familie des Rächers -- viele strittige Fragen müssen von umherwandernden Rechtsauslegern geklärt werden. Die Wurzeln vieler Fehden liegen oft jahrzehntelang zurück, was der Unerbittlichkeit, mit der jene ausgefochten werden, keinen Abbruch tut. Doch ein Recht steht über allem: Der Gast ist heilig. Wird er getötet, ist der Gastgeber für die Rache verantwortlich.

In dem Roman Der zerrissene April beschreibt Ismail Kadare den Kanun aus verschiedenen Blickwinkeln. Da ist zuerst Gjorg, ein 26-jähriger, unverheirateter Mann, der die Tradition des Tötens fortführen muss. So sehr er sich auch innerlich gegen die Unausweichlichkeit seines Schicksals auflehnt, erkennt er doch, dass er sich den Erwartungen seiner Familie und seines Volkes nicht entziehen kann. Denn schlimmer als der Tod ist die gesellschaftliche Ächtung. Am Ende der Geschichte werden zu den 44 Gräbern, die Zeugnis ablegen von einem alten Streit zwischen Familien, zwei weitere hinzugekommen sein.

Besian, ein Schriftsteller aus der Hauptstadt, und seine Frau Diana bereisen das Hochland. Sie werfen einen "zivilisierten", urbanen, aber auch romantisierenden Blick auf das karge Leben der Hochländer, die ihnen als "edle Wilde" erscheinen. Als Diana Gjorg begegnet, wird er für sie zum Zeichen der Vergänglichkeit ihres behüteten Lebens, während sie für ihn zum letzten Mal die Sehnsüchte des Lebens verkörpert.

Mark hingegen ist der "Verwalter des Blutes", der die Steuern für das Blutrecht einhebt und darüber akribisch Buch führt. Das Schrecklichste ist für ihn die Vorstellung eines "weißen Tages", eines Tages, an dem keiner einen Mord beginge. Würde das alte Recht bedeutungslos, wäre das das Ende aller Ordnung und damit auch das Ende der Welt.

Der zerrissene April ist ein wunderbarer, poetischer Roman über das Blut und den Tod, das Leben, die Kälte und die Einöde in einem Land, das, wiewohl in Europa gelegen, uns so fremd ist.

Dem Ammann-Verlag ist zu danken, dass mit diesem Roman nun der erste Band der Werkausgabe Ismail Kadares in neuer Übersetzung vorliegt. Kadares Werk umfasst über 20 Romane und Erzählungen, von denen Der General der toten Armee, verfilmt mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni, der bekannteste sein dürfte. --Christa Petri

Erschienen

1978

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