Erbin des verlorenen Landes

Roman von Kiran Desai

Über

In Kiran Desais Roman Erbin des verlorenen Landes ist niemand richtig glücklich. Eigentlich ist jeder sogar überaus einsam. Da ist der ehemalige Richter, der nach dem Studium in England in den dreißiger Jahren voller Verachtung für die Kolonialmacht nach Indien zurückkehrt, seine Frau zunächst misshandelt und sie aus Angst, sie zu ermorden, zu ihrer Familie schickt: auch seine Affenliebe zu seiner schönen Setterhündin Mutt ist nur ein schwacher Trost. Da ist die Enkelin des Richters Sai, die sich -- in einer Klosterschule und elternlos mit Englisch aufgewachsen und inzwischen von einem ganzen Arsenal skurriler Freunde umgeben -- unsterblich in ihren Hauslehrer Gyan verliebt, der aber zu den Rebellen wechselt und sie verrät. Und da ist schließlich der verhärmte Koch des Richters, der seinen Sohn in die Fremde nach New York geschickt hat, wo dieser in der Illegalität sein Glück aber auch nicht finden kann. Sie alle sind Fremde im eigenen Land, hin und her gerissen zwischen Traditionen und der aufgezwungenen Moderne, die mit ihren globalen Krakenarmen nach ihnen zu greifen scheint: das Paradies von einst scheint unweigerlich verloren.

Subtil und mit viel Sinn für atmosphärische Dichte und die wundervolle Schönheit der Natur entwickelt Desai die Psychologie der Figuren und ihr ambivalentes Zusammenspiel, und zwar vor dem Hintergrund des Gurkha-Aufstands Mitte der achtziger Jahre, der die erwachende Liebe eines Mädchens mit politischen, dem langen Schatten der Kolonialmacht Großbritannien geschuldeten Grausamkeiten konfrontiert. Für diese Virtuosität wurde Erbin des verlorenen Landes 2006 auf die Shortlist des Booker Prize aufgenommen. Und das zu Recht: denn Desai ist es gelungen, die komplexe, nicht ausschließlich traurige Handlung, bei der Privates immer wieder in Politisches übergreift, in ein faszinierendes Sprachgewand zu kleiden. --Stefan Kellerer

Erschienen

2006

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