die ärzte: Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf

von Markus Karg

Über

Leningrad Sandwich, Reineke Fuchs und Die Ärzte waren die Gewinner beim Rockwettbewerb des Berliner Senats 1984. Von Leningrad Sandwich hat man nicht nur nie wieder, sondern überhaupt nie etwas gehört, Die Ärzte jedoch revolutionierten die Popmusik in Deutschland gleich zweimal. Einmal Mitte der 80er-Jahre in den künstlerisch tristen Zeiten nach dem Ende der Neuen Deutschen Welle, und dann noch einmal Anfang der 90er-Jahre -- nach ihrer Aufsehen erregenden Trennung und der ebenso spektakulär inszenierten Wiederkehr.

Markus Karg, der Leiter des Ärzte-Fanclubs, hat jetzt die schwere Aufgabe geschultert, in einem Buch den Werdegang der Band zu beschreiben. Schwer deshalb, weil die Geschichte der Ärzte nicht allein entlang von Nummer-eins-Hits, Tourneen und Titelbildern erzählt werden kann. In ihr spiegelt sich vielmehr die Sittengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, der Aufstieg und das allmähliche Verglühen von Punk wider. Warum der Weg vom Sittenwächter provozierenden Anarcho-Spaßpunk der frühen Jahre ("Geschwisterliebe") über politisch korrekte, engagierte Rockmusik ("Schrei nach Liebe") direkt ins Wies'n-Festzelt ("Männer sind Schweine") führte -- dafür hat das Fan-Buch keine Erklärung. Es gibt nicht einmal den Versuch einer Analyse.

Dafür fährt Karg einen Berg von Material auf: Poster, Briefe, Faxe, Fotos von den Ärzten privat und auf der Bühne, sogar penible Mitschriften von Konzertansagen. Genug Stoff für mehrere lange Herbstabende. Zwar verläppert die Geschichte der Ärzte zu einer 480 Seiten langen Anekdote, aber die Anekdote ist natürlich gut. Und schön. Und wahr. Im Herbst tut man das ja gern: blättern, blättern, blättern -- bis der Arzt kommt. --Oliver Fuchs

Mitglieder-Rezensionen Eigene Rezension schreiben

Schreibe die erste Rezension

Zum Kommentieren bitte Anmelden